Den Instinkt dem Intellekt vorziehen – Choreografin Louisa Rachedi über «Wollust»

Wollust – Ausschweifung – Begehren: Lust, Begierde, zügelloses Ausleben des sexuellen Verlangens bezeichnet diese Sünde. Louisa Rachedi beschäftigt sich in ihrer Choreografie mit dem Verhältnis der Gesellschaft zum Körper und möchte einen individuellen Zugang zum eigenen Körper und zur eigenen Lust thematisieren.

Louisa Rachedi

EIN STIL, DEN ICH ZEIGEN WILL:

Ich finde Aufmerksamkeit und Präsenz faszinierend. Künstler zu beobachten, die so unglaublich präsent in ihrem eigenen Körper sind und die davon besessen sind ihre eigenen Erlebnisse zu formen und zu präzisieren, interessieren mich. Daher würde ich sagen, dass ich eher versuche, eine Haltung oder Einstellung zu zeigen als einen bestimmten Stil.

CHOREOGRAFEN, DIE ICH BEWUNDERE:

Es gibt so viele … zu viele, um sie alle zu nennen.

WARUM ICH DIESE SÜNDE GEWÄHLT HABE, UM MICH ZU BEWERBEN:

Für mich ist Wollust eine Sünde, die in Körperlichkeit verankert ist; sie schreit danach, durch den Körper ausgedrückt zu werden, durch Bewegung, durch das Fleisch …

Zuerst reizten mich die vielen Fragen, die diese Sünde zum Thema Gender aufwirft, wie wir unseren Körper, dessen natürliche Impulse und Empfindungen wahrnehmen und bewerten. Ich bin in einem nicht-religiösen Haushalt aufgewachsen, daher sind die «sieben Todsünden» für mich persönlich nicht mehr als ein Konzept. Aber natürlich sehe und begreife ich, welche Auswirkungen sie auf unsere westliche Gesellschaft haben.

Der Hauptfokus meiner Arbeit war zu beobachten, wie diese Themen unser Gefühl für Raum und die Beziehung zu unserem eigenen Körper und den Körpern anderer (genauer: der Frauen) geformt haben, vor allem in Bezug auf Hierarchie und Bewertung.

Bei meinen Recherchen habe ich herausgefunden, dass es im Mittelalter eine klare Hierarchie bei der Einteilung des Körpers gab, wenn es darum ging, Sünden, vor allem Lust, zu lokalisieren. Alles, was über dem Diaphragma (Sitz der Seele und des Geistes) lag, wurde als positiv verstanden und würde wahrscheinlich wieder auferstehen, während alles, was darunter lag, überwiegend als faulendes Fleisch und Ausscheidungsorgane gesehen wurde, was zwangsweise zergehen und verrotten würde … und viel schlimmer, Frauen bluten, was ihnen den Weg in den Himmel noch schwerer macht.

Ich glaube, wir sehen die Auswirkungen dieser Überzeugungen sogar noch heute, indem wir Intellekt dem Instinkt vorziehen, wie wir physische Impulse und Bedürfnisse unterdrücken oder ignorieren, in der Art, wie wir Gender verstehen etc … Und daher wollte ich für dieses Projekt einen Raum zu schaffen, in dem Urteil und Hierarchie nicht mehr die unausgesprochenen Parameter sind. Ich wollte sehen, ob wir ohne diese Parameter verschiedene Teile unseres Körpers bewegen und antreiben würden und somit unser sensorisches Empfinden erweitern würden.

DIE SIEBEN TODSÜNDEN SIND FÜR MICH:

Für mich persönlich sind sie nur ein Konzept, das keine Emotionen wachruft, wenn ich eine sogenannte Sünde begehe. Ganz allgemein finde ich die Schuld, die durch die Sünden ausgelöst wird, bedauerlich. Aber wenn ich das Dogma ignoriere, kann ich im Kern jeder Sünde eine Aufforderung sehen, Eigenwahrnehmung, Grosszügigkeit und Menschlichkeit zu erlernen. Das sind zeitlose, wunderbare menschliche Werte, die es wert sind, aufrechterhalten zu werden.

MIT DER TANZKOMPANIE ST.GALLEN ZU ARBEITEN WAR …

Eine aufregende Reise! Die Tänzer sind überwältigend, kommunikativ und so offen. Es war ein Vergnügen für mich, sie kennenzulernen und diesen Prozess mit ihnen zu teilen.

WORAUF ICH MICH FREUE:

Ich freue mich schon darauf, in der Premiere zu sitzen und zu sehen, wie die Tänzer die verschiedenen Werke darstellen werden. Dieses Projekt war etwas Besonderes, da es viel Raum für den kreativen Prozess liess und ich kann es nicht abwarten zu sehen, wie alles zusammenkommt.

WAS ICH NOCH SAGEN WOLLTE:

Ich danke allen, die ihre Energie in dieses Projekt gesteckt haben und dafür gesorgt haben, dass es verwirklicht wird!

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