Eine Kultur des Voyeurismus – Choreografin Caroline Beach über «Stolz»

Hochmut, Stolz oder Eitelkeit drückt sich in Selbstüberschätzung und Arroganz aus, die durch Aufmerksamkeit noch gefüttert werden. Der eigene Wert, das eigene Aussehen, Fähigkeiten oder Stellung werden überschätzt. Die amerikanische Choreografin Caroline Beach setzte sich für das Projekt Sieben mit einer spielerischen Betrachtungsweise von Hochmut im digitalen Bereich auseinander.

Caroline Beach

WER BIN ICH ?

Eine grosse Frage! Gerade bin ich jemand, der nach schlauen Antworten für ein Interview sucht und dabei versucht, nicht vom Internet abgelenkt zu werden!

CHOREOGRAFEN, DIE ICH BEWUNDERE:

Als Tänzerin wurde ich am stärksten geprägt durch meine Zusammentreffen mit William Forsythe und Ohad Naharin. Beide haben auch beeinflusst, wie ich Choreografien in Struktur und Bewegungsqualität angehe. Aber am meisten haben mich kleine und persönliche Begegnungen inspiriert, die ich mit Werken an den merkwürdigsten Orten erlebt habe, viele davon gemeinsam mit anderen Teilnehmern dieses Wettbewerbs: Go Plastics Twin Spots, aufgeführt in einem Industriekeller, das Tagträumer-Festival in einem verlassenen Krankenhaus sowie Lucie Freynhagens International Topsellers, das zum Hit eines Mainstream Festival wurde, all das waren Highlights!

WARUM ICH DIESE SÜNDE GEWÄHLT HABE, UM MICH ZU BEWERBEN:

Hochmut oder Stolz hat mich wegen seiner doppeldeutigen Natur interessiert. Der Begriff wird und wurde immer wieder im religiösen Kontext verwendet, um Menschen zu zeigen, dass sie weniger sind als Gott, um dem Sklaven zu sagen, er solle seinem Herrn dienen, einer Frau zu sagen, sie müsse sich ihrem Mann unterwerfen. Der nächste Verwandte des Hochmut, die Eitelkeit, wurde für Jahrhunderte in einer total überzogenen Form dazu verwandt, Frauen dazu zu bringen, sich für ihren eigenen Körper zu schämen (und somit Kontrolle über sie zu erlangen): Frauen mussten den Blick gesenkt halten, ihre Haut bedeckt und ihren Mund geschlossen. In diesem Sinne haben Frauen und Minoritäten die traditionelle, patriarchische Definition von Hochmut oder Stolz gesprengt und stattdessen Selbstbestimmtheit, Selbstbewusstsein und Eigenliebe gepredigt. Es gibt einen Grund, warum die LGBTQ+-Gemeinschaft ihre jährlichen und weltweiten Festivals «Pride» (Stolz) nennt!

Zugleich leben wir in einer Zeit der Hyper-Individualität und, durch den Gebrauch von Social Media und Internet, sehen wir uns als Zentrum unseres eigenen Universums. Viele von uns (Künstler im Besonderen) sehen ständig das nötige Übel der Selbstvermarktung. Wo liegen die Grenzen zwischen Narzissmus und Selbstbewusstsein, Stolz und Notwendigkeit? Ich wollte diese unangenehme Grauzone erforschen und Fragen stellen, statt Vorwürfe zu machen.

MEIN HAUPTFOKUS MEINER ARBEIT IN BEZUG AUF MEINE SÜNDE …

… ist die Entscheidung, wie wir uns selbst in unserem digitalen Leben darzustellen und wie unser digitales Selbst manchmal unser physikalisches Selbst übertrumpft.

Es gibt einen grossen Kult um Positivität im Internet, sich selbst immer von der besten Seite zu zeigen. Das kann einem das erstickende Gefühl geben, dass das eigene Leben nicht so gut läuft. Zudem wird dadurch der kapitalistische Mechanismus gefördert Unzufriedenheit zu erzeugen, die uns dazu bringt, mehr zu wollen und mehr zu konsumieren. Und dann gibt es noch ziemlich verrückte Sachen, zu denen sich Leute bereiterklären, um ihre Follower zu behalten oder zu vermehren: selbst-kreierte Verschwörungstheorien, das Versprechen, sich ein furchtbares Tattoo stechen zu lassen, wenn ein Post 1000 Mal re-postet wird, und sogar die Körper von jüngst verstorbenen Selbstmordopfern werden von manchen als «tolle Inhalte» gelobt (ausserdem gibt es ungefähr 20 Menschen im Jahr, die bei einem versuchten Selfie zu Tode kommen). Ich wollte einen spielerischen Blick darauf werfen, wie weit Menschen für einen Like gehen, und Aufmerksamkeit für die Kultur des Voyeurismus schaffen, die diese Situation erst ermöglicht.

DIE SIEBEN TODSÜNDEN SIND FÜR MICH:

Für mich stellen die sieben Todsünden ein anthropologisches Artefakt dar, das wir studieren sollten, um zu verstehen, warum wir so sind wie wir sind und was wir nun damit machen sollten: Es ist wichtig, die Entwicklung unser Moralität zu verstehen, aber auch wichtig, einen Riecher für den Schwachsinn zu entwickeln, der zum Teil verbreitet wird.

MIT DER TANZKOMPANIE ST.GALLEN ZU ARBEITEN WAR …

… ein Traum! Die Tanzkompanie ist eine unglaublich beeindruckende Gruppe von Künstlern, die eine Herausforderung bei den Hörnern packt und sich untertan macht. Ich war wirklich nur eine kreative Mitarbeiterin, die ab und zu auf eine oder zwei satanische Gesten bestand.

WAS ICH NOCH SAGEN WOLLTE:

Keine bestehenden Social Media Accounts nahmen während der Entstehung dieses Werkes Schaden. Wenn Sie ein wenig hinter die Kulissen blicken möchten, sehen Sie sich Tweetynator oder iron_elsa auf Instagram an. Wenn Sie kein Instagram haben, laden wir Sie herzlich ein, das 21. Jahrhundert zu entdecken. War das jetzt gemein?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: