Maria Riccarda Wesseling ist Anna Sutter

Anna Sutter, eine Schweizer Sängerin, teilte das Schicksal ihrer Paraderolle Carmen, für die sie das Stuttgarter Opernpublikum liebte. Am Theater St.Gallen wird ihre Geschichte nun im Rahmen der Uraufführung von Annas Maske, der ersten Oper von Komponist David Philip Hefti und Librettist Alain Claude Sulzer, erzählt. Hauptdarstellerin Maria Riccarda Wesseling im Gespräch über auffallend viele Gemeinsamkeiten mit ihrer Bühnenfigur Anna Sutter.

Wann hast Du das erste Mal von Anna Sutter und ihrer Geschichte erfahren?

Als ich vor einigen Jahren einmal für ein Engagement in der Schweiz war, habe ich die Novelle Annas Maske von Alain Claude Sulzer gelesen. Damals sind mir allerdings die vielen biografischen Übereinstimmungen zwischen mir und Anna Sutter noch gar nicht aufgefallen.

Welche Übereinstimmungen gibt es denn?

Anna ist fast 100 Jahre vor mir geboren worden. Sie kommt aus Wil, ich aus Wattwil. Wir haben beide in Bern studiert, haben beide mit 30 Jahren eine Tochter bekommen. Wir haben beide in Stuttgart gesungen, sie als Ensemblemitglied, ich als Gast. Und die Carmen haben wir beide oft gesungen. Das ist schon verrückt. Allerdings hat mich bisher kein ehemaliger Liebhaber umgebracht. (lacht)

Mit ihrer Interpretation der Carmen ist Anna Sutter zum Publikumsliebling der Stuttgarter Oper avanciert. Was fasziniert so an Carmen?

Mich interessiert ihre Unbeugsamkeit und Geradlinigkeit und die Konsequenz, mit der
sie zu sich und zu ihren Überzeugungen steht. Carmen ist eine Rolle, mit der das Publikum eine ganz bestimmte Vorstellung, ein gewisses Bild, verknüpft. Diese Erwartungshaltung kann zur Falle werden, wenn man versucht, zu gefallen, oder gar besonders sexy zu sein. Carmens und Annas Attraktivität entsteht nicht dadurch, dass sie sich wie ein Vamp präsentieren, sondern sie besteht in ihrer Souveränität, die sie besonders, anders macht. Beide wollen sich selbst treu bleiben, sich nicht verbiegen lassen. Eine meiner Lehrerinnen hat mir einmal den wichtigen Tipp gegeben: «Wenn Du Hosenrollen oder die Carmen singst, musst Du Dir Herrenschuhe kaufen.»

Was haben Herrenschuhe mit Carmen zu tun?

In Herrenhalbschuhen steht man anders, viel selbstverständlicher, viel geerdeter, viel standhafter. Auch Anna Sutter verfügte über diese carmensche Selbstverständlichkeit, mit der sie ihren Lebensstil verteidigte. Dieser zeichnete sich dadurch aus, dass sie sich nicht in gesellschaftskonforme Konzepte pressen liess, ihre Beziehungen frei lebte und zwei Kinder von zwei Vätern hatte. In diesem Sinne ist Annas Maske auch für uns heute relevant, weil wir uns fragen müssen: Wo stehen wir 100 Jahre später mit dieser Thematik und wie tolerant sind wir eigentlich geworden?

Ein Mann, der ihren Lebenswandel toleriert und Anna Sutter immer verteidigt hat, war Intendant Putlitz. Reine Marketingstrategie für die Stuttgarter Oper oder echte Bewunderung für seine Künstlerin?

Man muss zugeben, Anna und ihr leidenschaftliches Künstlertum haben natürlich Publikum generiert und damit Geld eingebracht. Andererseits war Putlitz’ Vehemenz, mit der er sie geschützt hat, sehr riskant, immerhin unterstanden er und die Kunst dem König. Aber es herrschte schon ein bisschen mehr Narrenfreiheit in der Kunst damals. Heute empfinde ich die Gesellschaft und auch die Kunst manchmal als sehr normiert. Ich stelle mir vor, dass das früher anders war. Anna Sutter zum Beispiel hat an einem Abend Salome, am anderen Carmen gesungen und sich beruflich wie privat in keine Schublade stecken lassen – und wurde darin von der Direktion bestärkt.

Anna wird in der Oper als «freier Geist» beschrieben. Worin besteht ihre Freiheit?

Der Komponist in Ariadne auf Naxos sagt: «Musik ist eine heilige Kunst, zu versammeln alle Arten von Mut.» Ich denke, es braucht Mut, um wirklich frei zu sein, um sich den Möglichkeiten, die das Leben einem bietet, zu stellen und sich nicht hinter vorgefertigten Lebenskonzepten oder Meinungen zu verstecken, die Religion oder Politik für uns bereithalten. Oft haben wir Angst, der Freiheit ins Auge zu schauen und suchen nach Regeln, die uns Verhaltensweisen und Ansichten vorgeben. Anna hat sich dieser Freiheit gestellt und diesen Mut gelebt.

Ihre Konsequenz hat sie letztendlich mit dem Leben bezahlt. Anna Sutter soll mit ihrem Ende gerechnet, soll geahnt haben, dass sie Carmens Schicksal teilen wird. Widersprechen sich Freiheit und Schicksal nicht eigentlich?

Eigentlich sind wir freie Menschen und können unsere Entscheidungen frei treffen. Aber wir sind eben nicht allein auf der Welt, sondern befinden uns in einer Gesellschaft voller Individuen, die auch frei entscheiden. Aus dem gegenseitigen Zusammenspiel entsteht etwas Neues, ein Gewebe, das aus unseren Impulsen und den äusseren Einflüssen entsteht, und das ich Fügung nennen würde. Ich glaube weniger an eine übergeordnete Schicksalsmacht, die wie ein Damoklesschwert über uns schwebt.

Anna Sutter schien ihren Tod nicht zu fürchten. Sie hat ihn akzeptiert und nichts getan, um ihn zu verhindern. Ist Dir dieser vermeintlich angstfreie Umgang mit dem Tod fremd?

Im Gegenteil. In meiner Familie war der Tod nie ein Tabuthema. Seit meiner Kindheit ist der Tod ein Teil des Lebens. Und so sind auch verstorbene liebe Menschen Teil meines Lebens und verschwinden nicht, nur weil sie nicht mehr leben. Wenn ich zum Beispiel eine Vorstellung singe und weiss, dass ich wahrscheinlich kein bekanntes Gesicht im Zuschauerraum sehen werde, setze ich mir oft im übertragenen Sinn meine Toten ins Publikum, die mich dann unterstützen, sozusagen als partners in crime. In den alten Häusern im Wallis gibt es das sogenannte «Seelenbälklein», eine Luke im Haus, die immer geöffnet wird, wenn jemand gestorben ist, damit die Seele wegfliegen kann. Das ist ein schöner und wichtiger Brauch. Ich spreche so ausführlich davon, weil der Tod auch in Annas Maske eine wichtige Rolle spielt. Anna hat eben diese Todesahnung. Der Tod ist in ihrem Leben präsent. Und trotzdem oder gerade deshalb lebt sie ein erfülltes Leben.

Was ist denn ein erfülltes Leben?
So oft wie möglich den Mut haben, Impulsen zu folgen, Impulse auszukosten, Verantwortungen einzugehen, Bindungen einzugehen, Feste zu feiern – und zwar richtig (lacht). Und den Mut haben, den Anna Sutter hatte, der eigenen Freiheit ins Auge zu blicken.

Das Gespräch führte Deborah Maier.

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Maria Riccarda Wesseling. Foto: Lorena La Spada

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