Interview mit Gian Andrea Rezzoli von der Kantonspolizei St.Gallen

Was ist passiert?

So lautet die erste Frage, die ein Ermittler am Tatort stellt, sagt Gian Andrea Rezzoli, Stv. Leiter Kommunikation und Mediensprecher bei der Kantonspolizei St.Gallen, Polizist und ehemaliger Ermittler. Ein Spezialist also im Fall ‚Anna Sutter‘, bei dem für uns noch einige Fragen offen waren. Ein Verhör.

Bestandsaufnahme: Am Morgen des 29.Juni 1910 verlässt Aloys Obrist gegen 9 Uhr seine Wohnung in der Eugenstrasse 7 in Stuttgart. In der Innentasche seines Jacketts trägt er zwei geladene Browning Pistolen, in der Brieftasche einen Zettel: „Wenn mir etwas Menschliches passieren sollte, bitte telefonisch meinen Bruder in München (Schwabing) zu benachrichtigen.“ Obrists Weg führt über die Neckar- und die Schlossgartenstrasse in Richtung Königsbau, vorbei am ehemaligen Hoftheater, das abgebrannt war, und vorbei an der damals aktuellen Interimsspielstätte, bis er schliesslich die Königsstrasse überquert und im Hotel Marquardt einkehrt. Im Hotel Marquardt war er während seiner Engagements am Hoftheater mehrmals einquartiert gewesen und hatte unter anderem dort seine Liaison mit Anna Sutter unterhalten. Er trinkt ein Glas Wein und hält sich für ca. 30 Minuten dort auf. Dann passiert er das Königstor, durchquert den Schlossgarten und geht stadtauswärts in Richtung Friedenskirche, bis er schliesslich, nachdem er noch einen Strauss Blumen gekauft hat, um 10 Uhr 45 in der Schubartstrasse 8 ankommt, der Wohnung von Anna Sutter. Er findet sie im Schlafzimmer und schiesst auf sie, der zweite Schuss trifft sie tödlich. Mit den fünf weiteren Patronen im Magazin tötet Obrist sich selbst.

Ist es ein übliches Muster eines Mörders, vor der Tat, emotional aufgeladene Plätze aufzusuchen, die an schöne, gemeinsame Zeiten erinnern?

Ich vermute sogar, dass diese Orte ihn bestärkt haben, die Tat zu begehen. Aber das ist natürlich von Fall zu Fall verschieden. Deshalb ist die genaue Rekonstruktion des Tathergangs, aber auch der unmittelbaren Zeit davor, das A und O der Ermittlungen. Wir müssen untersuchen, wo sich der Täter vor der Tat aufgehalten, mit wem er gesprochen hat. Wir suchen nach Zeugen, die uns weiterhelfen können. Kurzum, wir suchen nach Indizien. Ein Indiz für einen Mord wäre zum Beispiel, wenn der Täter bewusst (wissentlich und willentlich) eine Waffe beschafft hat, um diese Tat auszuführen.

Aloys Obrist hatte gleich zwei geladene Pistolen dabei.

Das kann mehrere Gründe gehabt haben, die wohl nicht mehr ermittelbar sind. Es zeigt aber, dass er sehr entschlossen handelte.

Man hat auch einen Zettel in seiner Brieftasche gefunden, auf dem stand: „Wenn mir etwas Menschliches passieren sollte, bitte telefonisch meinen Bruder in München (Schwabing) zu benachrichtigen.“

Auch das ist ein starkes Indiz, dass er diese Tat geplant hat. Wenn er so etwas schreibt, geht er davon aus, dass er die Tat nicht überleben wird. Aber er muss natürlich damit rechnen, dass er es nicht schafft, sich selbst umzubringen oder dass er sehr schwer verletzt ist und gerettet wird. Das war pure Kalkulation.

Was fängt man also an mit diesen Indizien?

Im Normalfall wird eine sogenannte Beweiskette erstellt, in der jedes noch so kleine Detail von Bedeutung sein kann.

Wo beginnt man bei solch einer Beweiskette?

Das ist gar nicht so einfach. Denn wenn Sie sich am Tatort befinden, kommen Ihnen tausend Möglichkeiten in den Sinn. Als Ermittler muss man jede dieser Möglichkeiten prüfen, in alle Richtungen ermitteln. Wenn der Fall dann aufgeklärt ist, waren 999 Optionen und Recherchen für den Papierkorb und nur eine war die richtige Variante. Die Tatortarbeit beginnt in der Regel mit der Spurensicherung. Nebst den Spuren werden auch Fotos erstellt. Bei schweren Tatbeständen scannt man den Tatort mit einem 3-D Scanner vollständig ein. Das hat den Vorteil, dass man die Tatortsituation immer wieder betrachten und mit den Ermittlungserkenntnissen vergleichen kann.

Mit der entsprechenden Ausbildung, beispielweise als Tatortanalyst, ist es möglich, die Tatortsituation zu deuten. Es kommt dabei nicht auf das Offensichtliche an, sondern auf das, was dahinter steckt. Was bedeutet es zum Beispiel, wenn sich frische Blumen auf dem Tisch befinden…

Wie im Schlafzimmer von Annas Sutter! Aloys Obrist hat auf seinem Weg nämlich tatsächlich frische Blumen gekauft. Er wusste wohl, dadurch leichten Zugang zu ihrer Wohnung zu erhalten. Das Dienstmädchen erzählte jedenfalls später, er beharrte darauf, „das Bukett persönlich überreichen zu können.“

Er wusste offensichtlich ganz genau, wie er sich Zugang zur Wohnung des Opfers verschaffen kann. Alles deutet auf eine sehr genau geplante Tat hin.

Bevor er die Wohnung betreten konnte, traf Obrist Anna Sutters Tochter Thilde vor dem Haus an. Sie spielte dort mit ihren Freundinnen. Thilde kannte Obrist aus der Zeit der Affäre mit ihrer Mutter und wollte mit ihm ins Haus gehen. Doch er scheint sie abgewimmelt und angehalten zu haben, bei ihren Freundinnen zu bleiben. Mit Thilde an seiner Seite hätte er keine Mühe gehabt, das Haus zu betreten und sich die Diskussionen mit dem Dienstmädchen sparen können. Wie ist dieses Verhalten zu erklären? Mörder der Exfreundin und gleichzeitig liebender Ersatzvater – ist das nicht widersprüchlich?

Überhaupt nicht! Es sieht so aus, als habe er dieses Mädchen sehr gemocht. Ihr wollte er ja nichts tun, nur ihrer Mutter. Das ist absolut nachvollziehbar. Es gibt aber auch Fälle, in denen ein Vater aus Eifersucht die ganze Familie tötet, Frau und Kinder.

Dass der Täter der Tochter, wenn er ihre Mutter umbringt, allerdings schon etwas antut, hat er in dem Moment verdrängt?

Das wird er ausgeblendet haben. Solche Dinge überlegt sich ein Täter in solch einem Moment nicht. Die Tat, ob geplant oder nicht, geschieht rein intuitiv. Dieses Phänomen ist bei Selbstmördern speziell. Denn wenige überlegen sich, was sie ihren Mitmenschen mit dieser Tat antun, und damit meine ich nicht nur die Angehörigen, sondern auch zufällig Umstehende. Die Täter befinden sich allesamt in Ausnahmesituationen und überlegen sich diese Konsequenzen nicht.

Die Browning Pistole von Aloys Obrist hatte sieben Patronen. Zwei davon trafen Anna Sutter, die zweite tödlich, die fünf weiteren feuerte Aloys Obrist auf sich selbst. Ist das überhaupt möglich?

Das ist in der Tat möglich, wenn auch selten. Vermutlich handelte es sich um eine kleinkalibrige Waffe, deren Projektile bei den ersten Schüssen keine grosse Wirkung erzielten. So kann es gut sein, dass man nachschiessen kann – sogar viermal wie in diesem (zugegebenermassen seltenen) Fall. Das Institut für Rechtsmedizin könnte ihnen dazu sicher Beispiele nennen.

Nun waren die Schüsse gefallen, die Polizei wurde gerufen. Wie geht man vor am Tatort? Welche Fragen werden wem gestellt?

Was ist passiert? (lacht) Eigentlich ist es relativ einfach. Die anwesenden Personen muss man trennen, damit man möglichst unabhängige, objektive Aussagen sammeln kann. Es kann immer sein, dass vermeintlich Ausstehende etwas mit der Tat zu tun haben, selbst involviert waren oder von den Plänen des Täters wussten. Im Anschluss an die Befragung muss man den Täter identifizieren. In diesem Fall würde man sich fragen: Ist der Tote der Täter oder hat jemand während dieser Zeit den Tatort verlassen? Wer hat sich im Haus aufgehalten? Und so weiter. Man befragt alle Nachbarn, was sie wann gehört haben, z.B. wie viele Schüsse gefallen sind. Wenn keine medizinische Versorgung mehr nötig ist (wie in diesem Fall), wird der Tatort dann gesichert. Auch die Ermittler dürfen nicht direkt zum Tatort, sondern müssen die Sicherung abwarten und den Spurenschutz wahren, Schutzkleidung anziehen, etc. Dann muss eine minutiöse Spurensicherung erfolgen. Wo liegen die toten Personen? Wo befindet sich die Tatwaffe? Ist die Position der Waffe mit dem vermuteten Tathergang vereinbar? Etwaige Schmauchspuren (Partikelrückstände der abgefeuerten Patronen) werden festgestellt. So kann man erkennen, ob der Täter auch wirklich selbst geschossen hat. Die Schmauchspuren können allerdings nur beweisen, dass der Täter geschossen hat, nicht wie oft und auf wen. Ein gerichtsmedizinisches Institut sollte anschliessend die Einschüsse prüfen und untersuchen, ob es dem Täter so überhaupt möglich war, sich selbst zu erschiessen. Heute kann man Tatorte natürlich ganz anders untersuchen als damals. Wir sichern Fingerabdrücke, DNA-Spuren, vermessen den Tatort mit einem 3D-Scanner. Mit diesen Aufnahmen können Sie noch Jahre später den ganzen Tatort durchsehen und sogar an einzelne Details heran zoomen. Ausserdem führen wir eine Hausdurchsuchung durch, um mögliche Korrespondenzen zwischen Täter und Opfer zu finden – damals mögen es Briefe gewesen sein, heute ist so etwas in elektronischer Form vorhanden.

Es gab ja noch einen sogenannten Dritten im Bunde: Albin Swoboda. Er soll Anna Sutter am Vorabend ihrer Ermordung nach der Vorstellung im Theater abgeholt haben und mit ihr nach Hause gegangen sein. Zum Ankunftszeitpunkt Aloys Obrists soll Anna Sutter noch geschlafen haben. Es könnte also durchaus sein, dass Swoboda anwesend war und sich versteckt hat, bevor Obrist ins Schlafzimmer kam, vielleicht um dessen Eifersucht nicht noch zu provozieren. In Swobodas Nachlass fand man später Briefe, in denen von Schuldgefühlen und Selbstmordgedanken zu lesen ist. Ob er wirklich im Raum war, als die Tat passierte, wurde nie untersucht. Hätte es eine Möglichkeit gegeben, das herauszufinden?

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Sache den Ermittlern so klar erschien, dass man es nicht für nötig hielt, den Fall noch weiter zu untersuchen. Und das ist der grösste Fehler, den man überhaupt machen kann. Denn alles, was man nicht ermittelt oder gesichert hat, ist unwiederbringlich verloren. Auch Swoboda, insofern er wirklich im Schrank oder am Tatort gewesen ist, hätte schiessen können. Dann wären die fünf Projektile im Körper des toten Aloys Obrist eher erklärbar. Man hätte ihn befragen müssen, den Schrank, beide Pistolen, das Bett, auch die Tote und überhaupt den ganzen Tatort auf seine Spuren untersuchen müssen. Hätte, hätte, hätte! Heute ist es zu spät.

Das Gespräch führte Deborah Maier.

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